Die heimliche Goldgrube: Warum Unternehmen von Ressourceneffizienz enorm profitieren

erstellt am 07.09.2011

Materialkosten verschlingen in produzierenden Unternehmen jeder Größe und Branche bis zu 45 Prozent der Kosten. Dabei ist das Einsparpotential immens und wird so zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Die Preisträger des Deutschen Materialeffizienzpreises 2010 demonstrieren, wie aus einer Kostenfalle eine Goldgrube wird.

Von Clara Görtz, Magazin INNOVATIONSMANAGER

500 Milliarden Euro – diese unvorstellbar große Summe geben deutsche Unternehmen insgesamt jährlich für diverse Rohstoffe und Materialien aus. Es könnten 100 Milliarden weniger sein, zumindest wenn sich ein anderer Umgang mit Material etablieren würde. Wenn Unternehmen also etwa ihre Abfälle und Emissionen im Produktionsprozess reduzieren könnten, lägen die durchschnittlichen Einsparmöglichkeiten im Jahr, auf das einzelne Unternehmen umgerechnet, bei 200.000 Euro. Ein Betrag, bei dem die meisten Unternehmer ins Schwärmen geraten dürften, der ihnen aber gleichzeitig den Schweiß auf die Stirn treibt – wie bloß ist es möglich, so viel Geld einzusparen, ohne dabei die Qualität der Produkte, Technologien, Services und Verfahren zu mindern und den Aufwand exorbitant zu erhöhen? Die Frage wird umso wichtiger, weil sich der wirtschaftliche Aufschwung derzeit auf die Rohstoffpreise und Materialkosten auswirkt: In den vergangenen Wochen sind diese spürbar angezogen.

 

Damit haben insbesondere kleine und mittlere Unternehmen zu kämpfen – stellen doch laut Deutscher Materialeffizienzagentur (demea) die Materialkosten im produzierenden Gewerbe mit rund 45 Prozent den mit Abstand größten Kostenblock dar. Für Unternehmen gilt es daher, sich nach neuen, materialsparenden Lösungen umzuschauen, um so wettbewerbs- und konkurrenzfähig zu bleiben. Dass dies gelingt, beweisen vier kleine und mittlere Unternehmen sowie eine Forschungseinrichtung, die im Dezember mit dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie vergebenen Deutschen Materialeffizienzpreis 2010 ausgezeichnet wurden.

 

Ob Medizintechnik, Baugewerbe, Metallindustrie oder Trenntechnik: Die Sieger entstammen Branchen, die teils wenig miteinander verbindet. Dementsprechend  haben sie die unterschiedlichsten Lösungen entwickelt, was zeigt: Materialeffizienz ist ein Thema, das vermutlich jede Branche betrifft und das sich für beinahe jedes Unternehmen – unabhängig von seiner Größe – bezahlt macht. Das wissen bislang aber die Wenigsten. Nicht verwunderlich also, dass sich der Blick von Managern zunächst auf das Personal richtet, wenn es darum geht, an der Kostenschraube zu drehen.

 

Manchmal kann aber sogar genau das Gegenteil der Fall sein, wie die OPED GmbH, einer der Sieger des diesjährigen Materialeffizienzpreises, beweist. Die Firma aus dem bayerischen Valley stellt Orthesen her. Dabei handelt es sich um orthopädische Prothesen, die zum Beispiel nach Sportverletzungen nur eingeschränkt funktionsfähige Körperteile unterstützen – und zwar bis zur Heilung. Danach sind sie meistens nicht mehr zu gebrauchen – gut für den Patienten, aber gleichzeitig wenig materialeffizient. OPED gestaltet daher seine Produkte so, dass sie nach einer Aufarbeitung hygienisch einwandfrei wiederverwendet werden können.

VACOped

Das Unternehmen spart dadurch 10 Tonnen Material im Jahr und beschäftigt zwei zusätzliche Mitarbeiter – hat also sogar an Personal aufgestockt.

 

Was sich für manch ein Unternehmen als wahre Goldgrube entpuppt, hat aus gesellschaftlicher Sicht weitere große Vorzüge: Materialeffizienz schont nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Umwelt. So hat das Bundeswirtschaftsministerium jetzt das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) mit einem Materialeffizienzpreis ausgezeichnet, weil es einen klimafreundlichen Zementersatz entwickelt hat. Bei der Zementherstellung handelt es sich gewöhnlich um einen energieintensiven Prozess. Jährlich stoßen Zementwerke mehr als eine Milliarde Tonnen Kohlendioxid aus – und sind damit für fünf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Die Lösung der Wissenschaftler: Sie haben ein zementäres Bindemittel entwickelt, das bei Temperaturen unter 300 Grad Celsius hergestellt wird. Zum Vergleich: In der Zementherstellung sind üblicherweise 1450 Grad Celsius notwendig. Im gesamten Herstellungsprozess lassen sich sogar 50 Prozent einsparen. „Wären – in die Zukunft gedacht – alle Zementwerke weltweit auf unserer Verfahren umgestellt, würde jährlich eine halbe Milliarde Tonne weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre entweichen – mit enormen Effekten für den Klimaschutz“, so die Vision von Peter Stemmermann vom Institut für Technische Chemie des KIT.

 

Mit einem ähnlich schwerwiegenden Problem aus der Baubranche hat sich ein weiterer Materialeffizienzpreisträger beschäftigt. Die Cobiax Technologies GmbH aus Darmstadt entwickelt Bauteile, die Stahlbetondecken um bis zu 35 Prozent leichter machen. Maßgeblich dafür verantwortlich sind spezielle kugelförmige Hohlkörper aus Kunststoff, die neben der Gewichtsreduktion weniger Erdaushub nötig machen und dabei gleichzeitig für Raumgewinn sorgen. Und nicht nur das: Allein im Jahr 2010 wurden durch den Einsatz der Hohlkörper mehr als 17.000 Tonnen Beton und 370 Tonnen Bewehrungsstahl eingespart.

 

Und auch die beiden weiteren Preisträger des Materialeffizienzpreises sind ein Beispiel dafür, welche vielfältigen Potentiale in materialeffizienten Technologien und Prozessen schlummern: So hat die PTZ Weidner GmbH aus Meßkirch eine Trenntechnik entwickelt, die Fertigungsverfahren beispielsweise für Dichtungen und Lager um gut vier Stunden verkürzt. Und der Firma Drahtzug Stein combicore aus Altleinigen ist es gelungen, Kanäle in eine bestimmte Form und Länge zu bringen. Dabei wird in ein Metallrohr ein bestimmtes Füllmaterial, etwa Kochsalz, gegeben. Während das Rohr im Gussteil verbleibt, wird der Formstoff nach dem Gießprozess mühelos und ohne Rückstände wieder entfernt. Zuvor wurden die Kanäle oft erst nach dem Gießen gebohrt – was enorme Mengen an Material verbraucht.

 

Die Beispiele zeigen, dass sich ein effizienterer Umgang mit Material und Rohstoffen in vielen Punkten auszahlt – Unternehmen sparen Kosten, gewinnen Zeit und schonen die Umwelt. Wenig Material, große Wirkung, lautet also die Devise.

 

Clara Görtz ist Redakteurin, Magazin INNOVATIONSMANAGER, Frankfurt am Main.

c.goertz@innovationsmanager-magazin.de

 

Info

Materialeffizienz: Ressourcen schonen und Geld sparen

Mit dem Impulsprogramm Materialeffizienz unterstützt die Deutsche Materialeffizienzagentur (demea) Mittelständler und bis Ende 2010 auch Unternehmen mit bis zu 1.000 Mitarbeitern dabei, materialsparende Produkte, Prozesse und Technologien anzuwenden. Im Rahmen des Förderprogramms „VerMat“ werden individuelle Beratungen angeboten. In fachlichen Erstberatungen analysiert ein Experte, wie und wo Material eingespart werden kann. Die Ausgaben hierfür können bis zu einer Höhe von 30.000 Euro anteilig gefördert werden. Bis 15.000 Euro beträgt der Fördersatz 67 Prozent, für darüber hinausgehende Ausgaben 50 Prozent. Ist eine vertiefende Analyse oder Unterstützung der Umsetzung nötig, steuert der Bund in einer zweiten Phase noch mal 33 Prozent bis zu einer Maximalsumme von 100.000 Euro bei.

Das Programm „NeMat“ fördert in erster Linie die Vernetzung von Unternehmen, die durch gemeinsame Aktivitäten ihre Materialeffizienz verbessern wollen. Wenn Unternehmen Maßnahmen zur Steigerung der Materialeffizienz bereits erfolgreich umgesetzt haben, können sie sich für den mit 10.000 Euro dotierten Materialeffizienzpreis bewerben. Das Impulsprogramm Materialeffizienz des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie läuft bis zum 31.12.2013.

Mail-Kontakt: leonhardt@demea.de

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.demea.de

 

Ein Gastbeitrag unseres Kooperationspartners

Innovationsmanager Magazin

Quell-URL: http://die-erfinder.3mdeutschland.de/innovationsprozesse/die-heimliche-goldgrube-warum-unternehmen-von-ressourceneffizienz-enorm-profitie

Die-Erfinder.com: http://www.Die-Erfinder.com