China baut den Mega-Kanal

Staudamm

Ein künstlicher Strom, länger als der Rhein, soll den durstigen Norden mit Wasser aus dem Süden versorgen. Doch der gewaltigste Kanalbau der Weltgeschichte bereitet Probleme.

 

Finn Mayer-Kuckuk Handelsblatt Peking Als der Drei-Schluchten-Damm in China fertig wurde, dachte keiner, dass dieses Projekt sich an Aufwand übertreffen ließe. Weit gefehlt. Derzeit vollenden chinesische Bautrupps ein noch viel gigantischeres Vorhaben. Anders als der Damm lässt sich die „Süd-Nord-Wasserumlenkung“ jedoch nicht auf einem einzelnen Foto zeigen. Das Kanalsystem misst bereits jetzt 1432 Kilometer – und ist damit länger als der Rhein. Doch das ist erst Phase eins. Es kommen noch weitere Strecken von ähnlicher Länge hinzu, und gerade erst ist ins Gespräch gekommen, den Stausee hinter dem Drei-Schluchten-Damm doch auch gleich anzuzapfen.

 

Das alles dient dazu, den trockenen Norden des Landes mit Wasser zu versorgen. Am nötigsten ist der Bedarf der Hauptstadt Peking, die praktisch am Rande einer Wüste liegt. Ihr Wasserbedarf wächst rasant, das Grundwasser unter der Stadt ist schon auf mehrere 100 Meter Tiefe abgesackt.

 

Das Megaprojekt einer Wasserumleitung von Süden nach Norden war bereits eine Idee des Diktators Mao Zedong. Zu altkommunistischen Zeiten fehlten jedoch die Mittel, um ein so großes Vorhaben umzusetzen. Schließlich überquert der Kanal Gebirge und kreuzt andere Flüsse dank unterirdischer Tunnel.

 

Maos Vision wird jetzt Realität: In der letzten Ausbaustufe sollen jährlich 45 Milliarden Kubikmeter Wasser gegen die Schwerkraft durchs Land fließen. Die Kosten haben bereits 75 Milliarden Euro überschritten. Die Wasserbauer haben ganze Landstriche überschwemmen lassen und dafür 400 000 Menschen umsiedeln lassen. Die Stadt Junzhou in der Provinz Hubei musste dabei bereits schon zum dritten Mal in ihrer Geschichte einem Wasserprojekt weichen, 100 000 Einwohner sind umgezogen. „Das Süd-Nord-Wasserumlenkungsprojekt nützt Millionen von Menschen“, postulierte dagegen Premier Li Keqiang vor einigen Wochen auf den Nationalen Volkskongress. Er hat für 2015 einen Etat von weiteren 120 Milliarden Euro für Wasserbauprojekte bereitgestellt.

 

Im Dezember sind bereits die gewaltigen Pumpstationen angelaufen, um das Wasser im neuen Kanal in Bewegung zu bringen. Anders als die Staudämme, die immerhin sauberen Strom produzieren, kostet das Kanalprojekt Energie. Allein die Pumpen verbrauchen die Stromproduktion eines kleinen Kraftwerks. Unter dem Gelben Fluss haben die Planer einen 7,2 Kilometer langen Tunnel anlegen lassen. Einen anderen Strom überwinden sie mit einem zwölf Kilometer langen Aquädukt – Weltrekord.

 

Aus einem Fluttor in der Nähe des Klärwerks Nummer 9 in Peking plätschert nun Wasser, das ein ganzes Land quer zu seinen Flusssystemen durchflossen hat. Jeder Tropfen ist über zwei Wochen unterwegs gewesen. Ein Teil der jährlich zehn Milliarden Kubikmeter Wasser, die der Mega-Kanal jetzt schon transportiert, dient schlicht dazu, das Grundwasser der Stadt wieder aufzufüllen.

 

Denn die Metropole verbraucht jedes Jahr mehr Wasser, während es immer weniger regnet. Peking ist eine der trockensten Großstädte der Welt. Der Wassermangel ist in Nordchina bereits jetzt eine der größten Wachstumsbremsen. So gesehen ist das Projekt der chinesischen Wasserbauingenieure auf den ersten Blick ein riesiger Erfolg. Südchina leidet regelmäßig unter Überschwemmungen, der Norden unter Trockenheit – das passt doch beides bestens zusammen. Oder?

 

In der Praxis sieht es jedoch so aus, als ob der Wassertransport von Süden nach Norden etwa ebenso viele Probleme schafft, wie es löst. „Das Projekt wird ganz sicher Langzeitschäden produzieren“, sagt Wasserexperte Christoph Graf von Waldersee, Gründer der Firma Asia Water Development. „Der Eingriff in die Ökosysteme ist enorm.“ Schlimmer noch: Entlang der Strecke verändert sich das Mikroklima. Vormals fruchtbare Landstriche drohen nach dem Bau von Stauseen auszutrocknen.

 

Selbst Regierungsmitglieder sind von dem Projekt bei weitem nicht so überzeugt, wie sie es als Vertreter der Obrigkeit sein sollten. „ Je größer so ein Projekt wird, und je mehr die Distanzen zunehmen, desto schwerer wird die Umleitung von Wasser“, sagt Qiu Baoxing, Vizeminister für Stadt- und Landentwicklung und Wohnungsbau. Viele der Probleme, die durch Trockenheit entstehen, fallen in sein Ressort. Trotzdem tritt er für Recycling ein statt technischer Mammutlösungen. „Wir sollten mehr Schmutzwasser aufbereiten, das wäre unsere beste neue Quelle.“

 

Chinas Staatsmedien feiern das Projekt unterdessen schon als riesigen Erfolg. „Das Projekt hat effektiv eine Trockenheit in Pingdishan abgewendet“, jubelte die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, als im Hochsommer ein Abschnitt eröffnet hatte. In Peking könnte künftig braune Brühe aus dem Hahn kommen? „Kein Problem, das liegt bloß am etwas höheren Eisengehalt des Südwassers.“

 

Was die Pekinger aus Sozialmedien aber auch längst wissen: Das Wasser ist von ziemlich mieser Qualität, wenn es in Peking ankommt. Der wichtigste Speicher und Verteiler des Wasser auf dem Weg, der Stausee Danjiangkou, gilt als „Kloake Zentralchinas“, weil außer dem Süd-Nord-Kanal fünf stark verschmutzte Flüsse in ihn münden. Auf dem Weg durchquert das Wasser mehrere Seen, in denen jetzt schon die Fisch- und Vogelarten unter dem ortsfremden Wasser leiden.

 

Der Süden ist zudem gar nicht so wasserreich, wie es scheint. Der Han-Fluss beispielsweise, aus dem die Ingenieure das Wasser für Peking abzweigen, verliert dadurch 40 Prozent seines Mengeninhalts. Darunter leiden die Städte flussabwärts, die jetzt schon über Trockenheit klagen.

 

Handelsblatt 07.04.2015 

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