Der Hausarzt in der Hosentasche

Smartphone

Smartphone-Apps sollen viele Arztbesuche überflüssig machen. Und uns helfen, gesünder zu leben.

 

Wiwo I Düsseldorf Das Berliner Start-up Caterna Vision hat eine App entwickelt, die die Sehkraft fördern soll. Es handelt sich um ein digitales Memory, bei der Paare von Löwen oder Krokodile gefunden werden müssen. Nur der Hintergrund sieht anders aus als gewohnt: Die grauschwarzen Farbübergänge wirken unruhig, irritierend.

 

Das ist Absicht: „Das Muster regt die Augen an“, erklärt Markus Müschenich. Der gelernte Kinderarzt hat Caterna Vision mitfinanziert. „Das ist Software als Medizin“, sagt er begeistert. So können Kinder spielend die Sehkraft eines schwachen Auges trainieren; das andere, gesunde Auge wird mit einem Pflaster zugeklebt. Die App gibt es seit Kurzem sogar auf Rezept, die Krankenkasse Barmer GEK übernimmt die Kosten.

 

Für die Kinder, die mit dem Programm spielen, wird etwas ganz normal sein, was für die meisten Erwachsenen heute noch unvorstellbar ist: Ein Smartphone hilft ihnen, gesund zu werden. Geht es nach dem Willen von Apple- Chef Tim Cook, wird das künftig Alltag sein. Er will das neue iPhone 6 zur Schaltzentrale einer neuen, digitalen Medizin machen, zum iDoc. Auf dem Gerät ist die App Healthbook vorinstalliert, so wie bald auch auf all den anderen Abermillionen Telefonen und iPads, die der Konzern verkauft. Wie eine digitale Patientenakte bündelt das Programm die Daten elektronischer Schrittzähler und anderer tragbarer Sensoren, den Wearables, mit denen heute immer mehr Menschen ihre Fitness und ihren Gesundheitszustand überwachen. Zusammen mit Infos zur Ernährung, Ergebnissen von Labortests bis hin zu Röntgenbildern entsteht ein so detailliertes Bild vom Menschen wie nie zuvor in der Geschichte der Medizin.

 

Apple ist nicht allein. Google und die anderen Tech-Giganten schicken sich gemeinsam mit Hunderten Start-ups ebenfalls an, den Medizinmarkt von Grund auf umzukrempeln. Gemeinsam ist allen digitalen Praxisstürmern, dass sie das Smartphone zum Hausarzt in der Hosentasche machen wollen.

 

Superrechner analysieren Gesundheitsdaten

Wirklich wertvoll aber werden all die Informationen erst, wenn sie in die Daten- Cloud wandern. Super-Rechner wie der Watson von IBM oder die Hana-Hochleistungssysteme von SAP werten die Messwerte in bester Big-Data-Manier aus. Sie vergleichen die Informationen nahezu in Echtzeit mit den aktuellsten Forschungsergebnissen aus allen Winkeln der Erde und liefern so fundierte Diagnosevorschläge, wie das nie zuvor möglich war. Kein Arzt kann so viel Wissen überblicken.

 

Ein Hotspot der Entwicklung ist das Silicon Valley, die produktivste IT-Schmiede der Welt. Mitten drin sitzt Apple. Das Motiv von Konzernchef Cook ist, in die Medizinbranche einzusteigen: Er will seine Kunden noch enger an sich binden. Wer all seine Gesundheitsdaten auf dem iPhone gespeichert hat, wem das Gerät geholfen hat, fitter, schlanker oder gesünder zu werden, der wird nicht zur Konkurrenz abwandern, so die Idee. Und Cook will sich den Zugang zu einem Megamarkt sichern und bei all den neuen Apps mitverdienen.

 

Da bei digitaler Medizin hohe Wachstumsraten winken, haben Start-ups gute Aussichten auf Gelder von Finanzinvestoren. Der aus Deutschland stammende Wagniskapitalgeber Peter Thiel hat zum Beispiel Millionen in mehr als zehn Medizin- Start-ups gesteckt, darunter die Gesundheits-App Azumio und den Arzttermin-Service ZocDoc.

 

Viele Start-ups erhoffen sich durch Apples Einstieg zusätzlichen Schub. Der Konzern hat schon mehrmals mit seinen benutzerfreundlichen Apps und Geräten ganze Branchen ins digitale Zeitalter katapultiert. Apples Vision: Bald sollen wir unsere Gesundheit so einfach checken wie die Uhrzeit.

 

Apple arbeitet bereits mit Kliniken zusammen

Der Konzern arbeitet bereits mit verschiedenen Krankenhäusern in den USA zusammen, darunter den renommierten Mayo-Kliniken. Künftig, so der Plan, sollen Ärzte über das Healthbook Fernzugriff auf ausgewählte Daten bekommen, die Wearables wie die Apple Watch liefern. „Mit Hilfe der App können Ärzte ungewöhnliche Messwerte früh erkennen“, sagt John Wald, medizinischer Direktor von Mayo Clinic, dem Betreiber der Kliniken.

 

Wo Apple sich engagiert, ist Google nicht weit. Das Konkurrenzprodukt zum Healthbook hat der Suchmaschinenriese bereits vorgestellt. Google Fit soll die Medizinzentrale der Android- Handys werden. Um die Messwerte der tragbaren Körpersensoren besser interpretieren zu könnten, betreibt der Konzern sogar medizinische Grundlagenforschung: Im Rahmen seines Projekts Baseline untersuchen Ärzte jeden Winkel der Körper von mehreren Hundert Freiwilligen, später sollen es sogar Tausende werden. Die Experten vermessen Organe, analysieren Gene, bestimmen Blutwerte. Der Ozean von Daten hilft Google, präziser zu entscheiden, welche Werte normal und welche ein Warnzeichen sind. Die Analyse riesiger Mengen von Bits und Bytes ist schließlich die Stärke des Konzerns.

 

In Europa ist der SAP-Konzern einer der Pioniere, sonst eher für Unternehmenssoftware bekannt. Die Walldorfer haben mit ihrer Hana-Technologie eine Plattform entwickelt, große Datenbanken effizient und enorm schnell zu durchforsten. Forciert von Mitgründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner, übertragen sie dieses Know-how nun auf die Medizin. Eines der ehrgeizigsten Projekte haben die SAP-Entwickler zusammen mit dem Genomforscher Hans Lehrach vom Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik gestartet. Sie analysieren detailliert die Genaktivität von Zellen einzelner Patienten und entwerfen so einen digitalen Doppelgänger. An ihm testen sie – mit Hilfe aufwendiger Computersimulationen – verschiedene Krebsmedikamente, um das am besten wirkende Mittel zu finden. Bis es so weit ist, werden aber noch etliche Jahre vergehen.

 

Deutlich schneller könnte es mit einem Medizinprojekt gehen, dessen Vorbild aus der Science-Fiction-Serie „Star Trek“ stammt: dem Tricorder. Mit dem Gerät konnte Mannschaftsarzt Leonard McCoy auf dem Raumschiff Enterprise Kranke abscannen und so herausfinden, woran sie litten. Solch eine Technik soll es bereits in weniger als zwei Jahren als erste Prototypen auf der Erde geben. Das jedenfalls ist das Ziel eines Wettbewerbs, den die gemeinnützige X-Prize-Stiftung in den USA ausgelobt hat.

 

Eine kleine Box soll Krankheiten erkennen

Um zu gewinnen, müssen die Kontrahenten ein tragbares Minilabor bauen, das 15 Krankheiten erkennt, darunter Diabetes, Hepatitis A, Tuberkulose oder einen Schlaganfall. Die meisten von ihnen lassen sich heute nur durch professionelle Untersuchungen des Bluts, der Haut oder der Lungen nachweisen. Künftig soll das mit Teststreifen, Infrarot-Thermometer, Kamera, Spektrometer und anderen Sensoren des Tricorders jedermann selbst können. Die Technik soll unzählige überflüssige Praxisbesuche vermeiden, hoffen die X-Prize-Ausrichter. Statt wie heute bei Fieber zum Arzt gehen zu müssen, liefert künftig eine kleine Box, verbunden etwa mit dem iPhone, die Diagnose – das es dann womöglich auf Rezept gibt.

 

Handelsblatt 11.09.2014              

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