Der Stromspeicher-Irrglaube

Eine Photovoltaikanlage

Nach Audi und Siemens lässt jetzt auch RWE Strom aus Wind- und Sonnenkraft in Gas umwandeln. Die Konzerne preisen die Speichermethode als Rettung der Energiewende. Dabei ist die Technologie womöglich völlig überflüssig.

 

Franz Hubik Handelsblatt Düsseldorf Seitdem Bundeskanzlerin Angela Merkel die Energiewende eingeläutet hat, genießen Strom aus Wasser-, Wind- und Sonnenkraft sowie Energie aus Biomasse und Erdwärme Vorfahrt im deutschen Stromnetz. Die Folge: Einerseits verlieren die Energieriesen RWE und Eon ihre Geschäftsbasis. Andererseits passen Energieverbrauch und Produktion immer seltener zusammen. Denn die Erzeugung von Grünstrom ist stark witterungsabhängig.

 

An warmen Sommer- und Frühlingstagen, wenn die Sonne scheint und parallel der Wind über der Nordsee eifrig bläst, liefern die erneuerbaren Energien mehr Strom als die Deutschen benötigen. An kalten Wintertagen ist es umgekehrt: Solar- und Windkraftwerke erzeugen kaum Elektrizität, weil der Himmel bewölkt ist und Flaute herrscht. Just in dieser Jahreszeit ist aber der Strombedarf am höchsten. Die Lösung für das Problem? Energiespeicher.

 

Eine der vielversprechendsten Methoden, um Strom aus Wind und Sonnenkraft langfristig zu bunkern, besteht darin, überschüssige Elektrizität in Wasserstoff und Sauerstoff aufzuspalten. Der Clou dabei: Wasserstoff lässt sich ins Gasnetz einspeisen und kann später verbrannt und so wieder in Strom verwandelt werden. Nach Audi, Linde und Siemens treibt mit RWE jetzt ein weiteres Milliardenunternehmen die Methode voran. Der angeschlagene Essener Energieriese startete vor wenigen Tagen den Betrieb seiner ersten Power-to-Gas-Anlage in Ibbenbüren bei Münster.

 

Die Konzerne wollen mit dem Ausbau und der Weiterentwicklung der Speichertechnologie die verkorkste Energiewende retten. „Der Einsatz von Power-to-Gas-Anlagen wird langfristig unverzichtbar“, sagte Arndt Neuhaus dem Handelsblatt. Der Chef von RWE Deutschland ist überzeugt, dass nur das Erdgasnetz ausreichend große Kapazitäten bietet, um riesige Mengen an Energie zu speichern.

 

In der Öffentlichkeit wird aktuell aber eine andere Speicherform gehypt: Batterien. Seitdem Tesla-Chef Elon Musk Ende April ankündigte, die Energiewelt mit einem 3000-Dollar-Akku für jedermann revolutionieren zu wollen, jagt eine Ankündigung in der Szene die nächste. Die Technologie ist ausgereift. Die Preise sinken. Und der massive Zubau von Eigenheimspeichern ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Doch Batterien eignen sich nur für die kurzfristige, tageweise Speicherung von Energie.

 

Um den überschüssigen Wind- und Solarstrom aus dem Sommer für den Winter zu speichern, sind Lithium-Ionen-Akkus denkbar ungeeignet. Sie sind zu teuer. Über mehrere Monate hinweg – da sind sich alle Experten einig – lässt sich Elektrizität nur in chemischer Form zu ansatzweise vertretbaren Kosten speichern. RWE & Co. sehen daher in Power-to-Gas die Lö- sung.

 

Schon heute sei die Technologie wirtschaftlich. „Unsere Power-to-Gas-Anlage in Ibbenbüren ist so effizient, dass wir kaum Energieverluste haben“, jubelt RWE-Manager Neuhaus. Durch die Ausnutzung von Abwärme lasse sich erstmals ein Wirkungsgrad von 86 Prozent erreichen. „Eine Serienfertigung solcher Anlagen ist vorstellbar“, erklärt Neuhaus.

 

Angesichts derartiger Pläne ist Lukas Emele alarmiert. Dem Klimaforscher mit Schwerpunkt Energie am Berliner Öko-Institut ist der breitflächige Ausbau der Speichertechnik ein Dorn im Auge. Der Wissenschaftler ist überzeugt: „Anders als von manchen Akteuren suggeriert, brauchen wir Power-toGas gar nicht, um die aktuellen Probleme der Energiewende zu lösen.“

 

Falls überhaupt, würden chemische Speicher erst in einigen Jahrzehnten benötigt, wenn mehr als 70 Prozent des Stroms hierzulande durch erneuerbare Energien produziert werde. Aktuell liegt der Ökostromanteil aber erst bei etwa 27 Prozent. Die heftigen Ausschläge nach oben und unten, die das deutsche Stromnetz aufgrund der zunehmenden Wind- und Sonnenkraft immer stärker prägen, ließen sich durch eine bessere Vernetzung der europäischen Stromnetze und Flexibilitätsoptionen ausgleichen.

 

Trotz der nötigen Investitionen ist es laut Emele kostengünstiger, den Ausbau der Stromnetze voranzutreiben als neue Speicher zu bauen. Olaf Wollersheim sieht das ähnlich. Der Energieexperte am Karlsruher Institut für Technologie hält fest: „Nichts ist teurer als mithilfe von Power-to-Gas gespeicherte Energie aus Solar- oder Windkraft, wieder in Strom umzuwandeln“. Die sogenannte Rückverstromung sei wirtschaftlich völlig sinnlos, da gut 70 Prozent der ursprünglich eingesetzten Energie bei dem Vorgang verpuffe.

 

Handelsblatt 27.08.2015

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