Die Räder drehen langsam

Internet Of Things

Unternehmen setzen nur zögerlich auf den IT-Megatrend „Internet der Dinge“. Woran das liegt

 

Steffen Ermisch Handelsblatt Köln  Noch lange nach der Auslieferung bleibt der Kompressoren-Hersteller Kaeser in Kontakt mit seinen Maschinen: Viele Industrieunternehmen entscheiden sich für einen Wartungsvertrag. Aus der Ferne gehen Kaeser-Techniker auf Fehlersuche, wenn die Druckluftstationen nicht mehr rundlaufen. Künftig soll die Bindung zum Hersteller noch enger werden: Das neue Steuerungssystem „Sigma Air Manager 2“ ist darauf ausgelegt, im Sekundentakt Messdaten an Kaeser zu senden.

 

Der permanente Datenstrom soll helfen, den Kundenservice zu verbessern, sagt IT-Chef Falko Lameter: „Mit statistischen Methoden können wir neue Zusammenhänge erkennen und besser feststellen, wann eine Wartung fällig ist.“ Auch in die Produktentwicklung sollen die Auswertungen einfließen. Die Vorbereitungen für den neuen Service laufen derzeit auf Hochtouren: „Einerseits fahren wir die IT-Architektur hoch, andererseits müssen wir parallel die Geschäftsprozesse in Verkauf und Service anpassen und die Mitarbeiter schulen.“

 

Ob Gewerbemaschinen, Autos oder Haushaltsgeräte: Die Anbindung von physischen Dingen an das Internet gehört zu den Megatrends der IT – und hat das Potenzial, ganze Branchen umzukrempeln. Bis zum Jahr 2030 kann das sogenannte Internet der Dinge oder Internet of Things (IoT) 14,2 Billionen Dollar zur weltweiten Wirtschaftsleistung beitragen, prognostiziert Accenture. „Die Wahrscheinlichkeit ist heute groß, dass Produkte ins Internet können, wenn sie die Fabrik verlassen“, sagt Frank Riemensperger, Deutschlandchef der Technologieberatung. „Wer jetzt die Chance nutzt, neue Serviceumsätze rund um diese intelligenten Produkte herum zu generieren, eröffnet sich riesengroße Wachstumsmöglichkeiten.“

 

Doch während sich Analysten und Berater mit optimistischen Prognosen überbieten, gibt es auch Grund zur Skepsis. Seit Jahren werden immer dieselben Praxisbeispiele angeführt – etwa vernetzte Lampen für das Smart Home oder Carsharing Dienste, die ohne feste Stationen auskommen. Von der Fülle an neuen Geschäftsmodellen, die das Internet der Dinge eröffnen soll, ist aber noch wenig zu sehen.

 

Der Düsseldorfer IT-Dienstleister Exceet Secure Solutions hat jüngst im deutschsprachigen Raum Projekte im Bereich der Maschinen-Kommunikation (M2M) untersucht. „Für unsere Nutzenstudie haben wir gerade einmal 200 Projekte gefunden, von denen 60 wirklich erfolgreich sind“, sagt Geschäftsführer Christian Methe. „Da fragt man sich tatsächlich, wo die Milliarden vernetzte Geräte sind, von denen Marktforscher sprechen.“

 

Patrick Mombaur, IoT-Experte beim Softwarekonzern PTC, vergleicht die Entwicklung mit der Anfangszeit des Internets: „1997 hat man viel über die Chancen geredet, wobei technisch schon alles möglich war. 2000 ist der Markt sogar zusammengebrochen. Dennoch wurde das weiter vorangetrieben und hat sich durchgesetzt.“ Das Internet der Dinge werde für ähnliche Veränderungen sorgen. PTC will dazu unter anderem mit der Plattform Thingworx beitragen, die das Gerätemanagement und die Softwareentwicklung vereinfachen soll.

 

„In den letzten fünf Jahren wurden viele technologische Barrieren eingerissen“, sagt Mombaur. So sorge das neue Protokoll IPv6 dafür, dass genügend Internetadressen für Geräte zur Verfügung stehen. Gleichzeitig sind Sensoren und Funkmodule günstiger geworden. Die Datenübertragung per Mobilfunk kostet nur noch Centbeträge, und Cloud dienste befreien Unternehmen von der Notwendigkeit, die Datenflut im eigenen Rechenzentrum zu bewältigen. „Die Zugangsbarrieren sind auch für den Mittelstand deutlich gesunken“, erklärt Berater Riemensperger.

 

Nach Einschätzung von Christian Methe erprobt schon eine Mehrzahl der Maschinenbauer Vernetzungstechnologien hinter verschlossenen Türen. „Der Knackpunkt ist, dass viele Hersteller noch keine passenden Geschäftsmodelle gefunden haben.“ In Innovationsworkshops, die Methe anbietet, geht es darum, wie sich zusätzliche Services erschließen lassen.

 

In einer guten Startposition sind Maschinen- und Anlagenbauer wie Kaeser, die schon Wartungsdienste anbieten. Dazu passt es gut, Betriebsdaten der vernetzten Maschinen zu nutzen, um den Service zu verbessern. Hier setzt auch Thyssen-Krupp strategisch an: Die Aufzugsparte hat Mitte Juli einen präventiven Service vorgestellt, der bereits sich anbahnende Defekte erkennt. Realisiert wird die Datenanalyse über eine Cloudlösung von Microsoft.

 

Während diese Angebote auf geringere Ausfallzeiten zielen, lassen sich mit Betriebsdaten potenziell auch ganz neue Geschäftsfelder erschließen. Methe nennt ein Beispiel: „Betreiber großer Fahrzeugflotten könnten über Sensoren in ihren Fahrzeugen die Straßenqualität überwachen – und diese Daten etwa an Kommunen verkaufen.“ Riemensperger sieht großes Potenzial für Medizintechnik-Hersteller, die Ferndiagnosen anbieten.

 

Voraussetzung für die Geschäftsmodelle ist, dass die Nutzer der Maschinen der Datenrücksendung zustimmen. Bei Kaeser gab es in der internen Diskussion den Einwand, dass Kunden dazu nicht bereit sein könnten, sagt Lameter. Die Befürchtung habe sich nicht bestätigt: „Tatsächlich ist das für uns kein Problem, weil wir dem Kunden mit der Datenanalyse einen verbesserten Service anbieten können.“

 

Handelsblatt 26.05.2015

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