Energie aus der Müllhalde

Müllhalde

Deutsche Deponien aus den vergangenen Jahrzehnten sollen zu Stromlieferanten werden.

Oliver Abraham Handelsblatt Minden Detlev Frese gibt auf. Viel zu oft musste der routinierte Techniker den Tusch hören, der eine Störung in der Müllverbrennungsanlage signalisiert. Der Unrat vergangener Jahrzehnte blieb erst als solider Placken im Herz der Brennkammer liegen und zündete nach kurzer Verweildauer durch – die Thermostate schlugen wild aus. Unmöglich, das Mindener Kraftwerk so gleichmäßig zu fahren wie immer. Unmöglich auch, damit das nahe gelegene BASF-Chemiewerk mit Prozessdampf, Wärme und Energie zu versorgen. Der Versuch ist gescheitert – vorerst.

Dabei geht es um eine ganze Menge: einen ungewöhnlichen heimischen Rohstoff. In Deutschland sind 2,5 Milliarden Tonnen alter Müll vergraben. Und zwar solcher, der vor Beginn der privaten Trennung in den 1990er-Jahren fast alles enthielt, was weggeworfen wurde – unter anderem Kunststoffe, Papier und Textilien. Der Wissenschaftler Klaus Fricke von der TU Braunschweig schätzt, dass ein theoretischer Wert von bis zu 55 Milliarden Euro bundesweit im Boden liegt – berechnet nach dem Wert in Erdöl.

Die Verwertung in Brennöfen könnte daneben gleich zwei Probleme lösen. Ein ökologisches: Der alte Müll kommt aus dem Boden. Und ein ökonomisches: Deutschland hat zu viele Müllverbrennungsanlagen gebaut.

Ein großes Hindernis: Bislang ist die Verwertung des Altmülls nicht wirtschaftlich. Die Kosten seien höher als der Erlös, sagt Fricke. Vergangenen Sommer startete daher ein einzigartiges Großprojekt von Forschung, Wirtschaft und Kommunen. Dazu wurde nahe Minden die „Pohlsche Heide“ angegraben, eine Deponie mit rund drei Millionen Tonnen Müll. Forscher verschiedener Universitäten nahmen Proben.

An der RWTH Aachen untersuchen Peter Quicker und Martin Rotheut von der Forschungsgruppe Technologie der Energierohstoffe, wie hoch der Heizwert des abgegrabenen Mülls – des Deponats – überhaupt ist und ob dieser Schadstoffe enthält, die eine Nutzung im Kraftwerk verbieten könnten. Schließlich wurde damals fast alles über den Hausmüll entsorgt – Haushaltschemikalien und Batterien inklusive.

Die Analysen ergaben, dass der Müll aus Minden etwas taugt, weil die Schadstoffe sich in Grenzen halten: Drei bis vier Tonnen davon können eine Tonne Öl ersetzen. Mindens Altmüll darf und kann also brennen – als sogenannter Ersatzbrennstoff (EBS). Zumindest theoretisch.

Nur tut er’s auch ökonomisch? Auch im nahen Kraftwerk? Ziel des mit fünf Millionen Euro unter anderem vom Bundesforschungsministerium geförderten Großprojektes ist eine gewisse Nachhaltigkeit, dazu gehört möglichst die Nutzung bestehender Infrastruktur. Bernd Becker, Betriebsleiter der Entsorgungsbetriebe des Kreises Minden-Lübbecke, kann nicht nur auf Deponie und Kraftwerk zurückgreifen, sondern verfügt auch über die notwendige Infrastruktur zur Aufbereitung. Eines haben sie in Minden schon vor dem Großversuch herausgefunden: „Um es als Brennstoff zu nutzen, muss das Deponat vorbereitet werden; das heißt ausgraben, sortieren, in Mieten ablagern, danach noch einmal durchs Trommelsieb geben, um Sand und Steine abzuscheiden“, erklärt Becker. „Das Zeug hatte uns die Förderschnecken und die Mechanik im Ofen schlicht verbacken und blockiert“, erinnert er sich.

Das Deponat sei ein sehr anspruchsvoller Stoff, sagt der Aachener Professor Quicker nach dem ernüchternden Brennversuch; feucht, verklebt, viel Asche. Es müsse anders vorbehandelt werden, dosierbarer sein. Die Zuführung in den eigentlichen Verbrennungsprozess müsse ausbalanciert werden, dafür gibt es in anderen Kraftwerken durchaus Techniken. Der Mindener Müllofen kommt dafür nicht mehr infrage: Der zeitliche und örtliche Verlauf des Brennstoffes im Ofen ist nicht beeinflussbar. Im kommenden Jahr gehen die Versuche daher anderswo weiter.

Quicker steht im Müllbunker und sagt: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in einem anderen Kraftwerk mit entsprechender Zuführungsund Rosttechnik klappt!“

Handelsblatt 09.01.2014

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