Gummi aus der Pusteblume

Löwenzahn

Continental forscht an der industriellen Nutzung des Löwenzahns – und kommt zu erstaunlichen Resultaten.

 

Oliver Abraham Handelsblatt Münster

In den Gewächshäusern brennt 16 Stunden Licht, es ist angenehm warm — auch im Februar. In dieser Anlage untersucht Dirk Prüfer von der Universität Münster in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie das Blühverhalten von Löwenzahn, einem Verwandten der heimischen Pusteblume. Sie wächst normalerweise in der Steppe Kasachstans. Dottergelbe Blüten recken sich zu den Lampen.

 

Doch den Forschern geht es um das, was unter dem üppigen Grün gedeiht. Aus dem Wurzelsaft der Pflanze lässt sich Gummi gewinnen. „Damit gehört der russische Löwenzahn zu den einzigen drei Pflanzen auf der Welt, aus denen man hochmolekularen Kautschuk herstellen kann“, erklärt Professor Dirk Prüfer. Ein Rohstoff, auf den es Reifenhersteller abgesehen haben.

 

Nebenan wird im Frühjahr eine Pilotanlage entstehen, in der Gummi aus Löwenzahn hergestellt wird — und das gleich in Tonnen. Kooperationspartner Continental aus Hannover forscht an der Nutzung – die ersten Testreifen mit Gummimischungen aus Löwenzahn-Kautschuk sollen in den kommenden Jahren auf Straßen fahren.

 

Carla Recker leitet beim Reifenhersteller die Abteilung „Materialchemie“, die Chemikerin entwickelt neue Rohmaterialien und Gummimischungen: „Erst die richtige Gummimischung gibt den Reifen die nötigen Eigenschaften für Anforderungen wie zum Beispiel Rollwiderstand, Haftung beim Bremsen und Abrieb – der Anteil an Kautschuk in den Reifenmischungen sorgt wesentlich dafür, dass sie den unterschiedlichen Witterungen und Straßenbelägen gerecht werden.“ In Deutschland werden pro Jahr rund 240 000 Tonnen Naturkautschuk verarbeitet.

 

Reifenhersteller sind bei der Beschaffung von Naturkautschuk von den Preis- und Mengenentwicklungen an den internationalen Rohstoffbörsen abhängig. Aber: „Kautschuksaft aus Löwenzahn liefert einen einwandfreien Rohstoff für die Reifenherstellung“, sagt Chemikerin Recker. Nach bisherigen Tests könne Löwenzahn-Kautschuk die gleichen Eigenschaften erreichen wie Kautschuk aus dem Baum. Reifen für Pkw-Modelle sind zwischen sieben bis 15 Kilogramm schwer, Lkw-Reifen wiegen bis zu 80 Kilogramm – in manchen Exemplaren können also gut dreißig Kilogramm Naturkautschuk enthalten sein.

 

Der Bedarf an Naturkautschuk wird langfristig deutlich steigen. Kautschuk aus Erdöl künstlich herzustellen, wird nicht billiger werden, und eine Steigerung der Produktion von Naturlatex aus dem Kautschukbaum bedeutet einen höheren Verbrauch an Flächen in Südostasien – einerseits an Regenwald andererseits an Flächen für die Nahrungsmittelproduktion.

 

Löwenzahn, das vermeintliche Unkraut, gedeiht hingegen hierzulande sogar auf Flächen, die für normale Nutzpflanzen nicht geeignet sind: auf trockenen und sandigen Böden oder Brachflächen. Es wächst überall, ist genügsam, robust und resistent. „Unser Ziel ist es, innerhalb der kommenden fünf Jahre eine Pilotanlage zu industrialisieren“, beschreibt Recker das Bauvorhaben. Von einem Hektar Anbaufläche soll eine Tonne Kautschuk pro Jahr gewonnen werden. „Das ist ähnlich viel, wie auf den Plantagen in Asien gezapft wird“, erklärt Prüfer. Er hält die Vorgabe für ein realistisches Ziel. Nicht nur, weil dazu nun eine reine Sorte kreiert wird, die sich durch einen verbesserten Ertrag auszeichnet. Sondern auch, weil Ernte- und Extrahierbarkeit im Rahmen der immer noch mühsamen und langwierigen Züchtung verbessert werden.

 

Möglicherweise hat der Kautschuk aus Löwenzahn bessere Eigenschaften als der bisherige. „Auf jeden Fall können wir mit dieser Pflanze Spitzen und Engpässe beim Naturkautschuk auf dem Weltmarkt abfangen. Und wir haben für die Landwirtschaft und die Industrie eine Alternative – nicht nur eine ökologisch bessere“, sagt Prüfer.

 

Handelsblatt, 18.02.2014

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