Handwerk zögert bei Digitalisierung

Handwerk

Neue Computertechniken verhelfen Betrieben zu Innovationssprüngen und mehr Gewinn, wie Beispiele zeigen. Doch viele Unternehmen haben Berührungsängste.

 

Rebecca Eisert, Sandra Rauch Wirtschaftswoche Düsseldorf Tischlermeister Sebastian Bächer hat den Aralsee gefräst. Ein detailgetreues Holzmodell des einst viertgrößten, nun fast ausgetrockneten Binnensees der Erde, sechs Meter im Durchmesser, samt Inseln und Halbinseln, Buchten und Landzungen. Mit Aufträgen wie diesem hat sich die Kölner Tischlerei Bächer Bergmann international einen Namen gemacht – komplex gefertigte Designobjekte, die „so kein anderer fräsen kann“, sagt Bächer. Sein Modell steht jetzt im Kasachstan-Pavillon auf der Expo 2015 in Mailand, die im Mai beginnt.

 

3-D-Drucker in der Schreinerwerkstatt

Hinter dem Erfolg der Kölner Tischlerei steckt nicht nur handwerkliches Können, sondern auch ein Faible für digitale Technik: Das Modell des Sees hat er im Büro am Computer per Konstruktionsprogramm entworfen, dann die Daten per Mausklick zu einem Lasercutter in der Werkstatt nebenan geschickt. Die rheinische Tischlerei hat ihre Produktionsschritte in den vergangenen Jahren komplett digital vernetzt – und gehört damit zur Avantgarde im deutschen Handwerk.

 

Denn 3-D-Drucker in der Schreinerwerkstatt, TabletPCs auf Baustelle, Kfz-Datenaustausch über das Internet oder auch nur eine professionelle Homepage vom Metzgermeister an der Ecke sind eher Ausnahme als die Regel. Die meisten Handwerksbetriebe hierzulande tun sich mit der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse noch schwer.

 

Nur gut die Hälfte aller Betriebe besitzt laut Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) überhaupt eine aktuelle Website. Gerade mal ein Drittel setzt Tablet-PCs zur Kundenberatung ein, wie aus einer Studie des Münchner Beratungsunternehmens Service Barometer hervorgeht. Der Nachholbedarf im Handwerk in puncto Digitalisierung sei gewaltig, so das Ergebnis.

 

Dabei geht es der Frage, ob es dem Handwerk gelingt, sich digitale Prozesse und soziale Medien zunutze zu machen, vielfach ums Überleben. „Manche Landmetzgerei wäre heute doch schon pleite, wenn sie nicht per Online-Shop ihren Kundenstamm auf die gesamte Bundesrepublik und darüber hinaus erweitert hätte“, sagt Alexander Legowski, Sprecher des ZDH in Berlin. Der Zentralverband befürchtet schon heute, dass viele Betriebe nicht konkurrenzfähig bleiben und vom Markt verschwinden, wenn sie die Chancen nicht ergreifen, die sich ihnen in Gestalt von Online-Shops, digitalen Schnittstellen zu Industriekunden und professionellen Warenlager- und Kundenmanagementsystemen eröffnen.

 

Eine ganze Reihe von Betrieben, immerhin, zeigt bereits heute, was alles möglich ist, wenn der Einsatz digitaler Techniken mit Verve vorangetrieben wird. Die Vorreiter setzen auf Smartphone-Apps und Facebook, nutzen professionelle Software und zeigen damit, welche Vorteile digitale Technologien nicht nur den Betrieben, sondern vor allem auch deren Kunden bieten.

 


Neue Technik erlaubt individuelle Produkte

So stehen in der Kölner Werkstatt des Schreinermeister Bächers nicht von ungefähr zwei große Computerized-Numerical-Control-, kurz CNC-Maschinen, die dank moderner Steuerungstechnik komplexe Formen hochpräzise fräsen können.

 

Technik wie diese gab es früher fast nur in der Industrie. Im Handwerk schafft sie heute neue Möglichkeiten für Produkte, die so individuell sind, wie der Kunde sie eben haben will – selbst Einzelstücke gibt es zu konkurrenzfähigen Preisen. Trotzdem arbeitet schätzungsweise höchstens ein Drittel der Tischler mit CNC-Maschinen. Am Markt zeige sich das schon deutlich, sagt Bächer: „Alle Tischler, bei denen es gut läuft, besitzen eine.“

 

Von den Handwerkskammern beauftragte Berater sagen, den meisten Handwerksmeistern fehlt es an Zeit, Mut und Know-how, um digitale Lösungen voranzutreiben. Vor diesem Hintergrund entstand das vom Bundesbildungsministerium geförderte Projekt „eWorkBau“, das der Desorganisation auf deutschen Baustellen den digitalen Kampf ansagt. Bauherren wissen es: Gerade am Bau ist bisher zu oft eine Mischung aus Trödel- und Chaostrupp am Werk. Mal können die Dachdecker nicht anfangen, weil das Gerüst noch nicht steht, mal gehen dem Elektriker die Kabel aus, oder der Klempner hat gerade nicht die richtige Steckmuffe zur Hand – und der Kunde muss wieder warten. Im Rahmen von „eWorkBau“ sollen Handwerker lernen, mit dem sogenannten Building Information Modeling (BIM) – zu Deutsch: Gebäudedatenmodellierung – den Bau und Ausbau eines Hauses anzupacken. Meister sollen am Rechner planen, dokumentieren und prüfen können, wer wann was auf der Baustelle treibt oder auch später im fertigen Gebäude dieses reinigt und instand hält.

 

Noch klafft zwischen fachlichem und digitalem Knowhow eine riesige Lücke. „Informationstechnologien sind nicht unbedingt die Kernkompetenz der Handwerker“, bestätigt Wolfram Kroker aus Lübeck. Er ist einer von deutschlandweit 38 sogenannten E-Business-Lotsen, die Handwerksbetrieben helfen sollen, Berührungsängste gegenüber neuen Technologien abzubauen. Bitter nötig ist das vor allem, wenn Handwerker als Auftragnehmer und Zulieferer der Industrie im Geschäft bleiben wollen.

 

Digitale Lösungen steigern die Effizienz enorm

Vielen Betrieben ist gar nicht bewusst, wie viel effizienter sie mit digitalen Lösungen arbeiten können“, sagt Michael Heil. Er leitet das Projekt eMasterCraft – eBusiness am Institut für kybernetisches Planen und Bauen in Kaiserslautern. Es soll die Durchlaufzeit von Aufträgen im Büro und auf der Baustelle reduzieren. Im ersten der beiden Testbetriebe, in denen er seit mehr als zwei Jahren Prozesse optimiert hat, hat sich der Gewinn vervielfacht.

 

Die Verbesserungen beginnen bei vermeintlich simplen Aufgaben wie etwa dem Anlegen eines Anrufformulars. Die Nummer des Kunden ist im Rechner hinterlegt, die Bürokraft bekommt, sobald sie den Hörer abnimmt, die Kundendatei auf den Bildschirm. Soll zum Beispiel der Meister dringend zurückrufen, erhält dieser über die ITAnlage eine Push-Nachricht mit den Daten des Kunden aufs Handy. Oder: Bauleiter fahren mit der digitalen Akte auf dem Tablet-PC zur Baustelle, erfassen vor Ort Sprach- und Bildnotizen über den Stand der Arbeiten und haken digitale Checklisten ab. Zeitpläne sind im Internet hinterlegt, der Bauleiter vergleicht Soll- und Ist-Zustand. Heil sieht noch riesiges Potenzial in der Digitalisierung. „Wer nicht mitmacht, hat das Nachsehen oder ist irgendwann weg“, sagt er.

 

Handelsblatt 30.04.2015  

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