Möbel aus Pilzen

Pilze sollen künftig Alternativen für Kunststoffe sein. In Halle tüfteln Künstler gemeinsam mit Wissenschaftlern an der Idee.

 

HB I Halle Auf den Holztischen stehen Dutzende Konservengläser. Es riecht nach Schwamm. Ein junger Mann schöpft mit einem langen Löffel eine braune Masse mit kleinen, weißen Punkten aus einem Topf. „Das ist ein Mix aus Getreide, Wasser und Kaffee“, erklärt Antoni Gandia auf Englisch. Der spanische Biotechniker zeigt gerade Studenten in einer Werkstatt der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle, wie sie Pilze züchten können. Später könnten aus den Schwämmen Verpackungen, Möbel oder Kleidungsstücke entstehen.

 

„Wir versuchen, Kunst und Naturwissenschaft zu verbinden“, erklärt der Burg-Professor für Material- und Technologievermittlung, Aart van Bezooijen. Gemeinsam mit dem Nachwuchsgruppenleiter Filipe Natalio von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Antoni Gandia experimentiert er mit Pilzen. Das Ziel ist, neue Materialien zu entwickeln, die nachhaltig sind. Der Name des Projekts: „GROW“.

 

Ihr Wissen geben die drei in Vorträgen, Seminaren und Workshops weiter. „Es gibt unterschiedliche Wege, um Pilze herzustellen“, sagt Gandia. Im Workshop an der Burg wird hauptsächlich mit Stroh, Kaffee und Getreide experimentiert. Die Stoffe werden zusammen mit einer kleinen Pilzkultur, die zuvor auf feuchter Pappe gezüchtet wurde, in Konservengläser gegeben. Im Metalldeckel der Gläser ist ein Loch, damit alles atmen kann. Nach einigen Tagen bis Wochen wüchsen Pilze in den Gläsern, erklärt der Biotechniker.

 

„Danach muss alles richtig getrocknet werden“, sagt Professor van Bezooijen. Er zeigt eine rechteckige Platte. Das etwa drei Zentimeter dicke Stück besteht aus Pilzen. Die Schwämme mussten fünf Tage lang in einer quaderförmigen Schale gedeihen und nahmen deren Form an. Die dichten, aber leichten Pilz-Platten könnten als Ersatz für Styropor eingesetzt werden, erklärt van Bezooijen. Beim Transport könnten sie etwa zerbrechliche Gläser oder Porzellanvasen schützen.

 

Und noch weitere Vorteile hätten die Schwämme: „Pilze brauchen anders als synthetische Kunststoffe für ihre Produktion keine zusätzliche Energie“, erklärt van Bezooijen. Zudem könnten die Pilz-Verpackungen später einfach kompostiert werden. „Auf dem Gartenkompost zersetzen sie sich“, sagt der Niederländer. Das sei sehr nachhaltig. Auf der anderen Seite dauere die Herstellung länger als die Produktion von Kunststoff. Außerdem sei die Idee noch nicht ausgereift.

 

„Ich hoffe, ein paar Anregungen für meine spätere Arbeit zu finden“, sagt Design Studentin Frederike Nelles. Sie nimmt am Workshop der drei teil. Bei dem dreitägigen Treffen habe sie schon einige Ideen gesammelt: Aus den Pilzen könnten Fasern für Kleidungsstücke wie Jacken hergestellt werden. „Das ist eine originelle Idee“, sagt der Sprecher des Bundesverbands Textil+Mode, Hartmut Spiesecke. Noch habe er davon nicht gehört. Ob sie diese Idee umsetzt, weiß die Studentin allerdings auch noch nicht.

 

„Es ist auch möglich, Stühle aus den Pilzen herzustellen“, sagt Filipe Natalio. Der Experte für anorganische Chemie hofft, dass Studenten nach Workshops oder Vorträgen mit ihren Ideen zu ihm kommen. In den Labors der Universität in Halle könnten sie mit seiner Hilfe mit den neuen Stoffen experimentieren. Ziel des „GROW“-Teams sei, die Idee schnell weiterentwickeln und zur Marktreife zu bringen.

 

Handelsblatt 10.03.2015 

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