Roboteranzug für Querschnittsgelähmte

Wirbelsäule

Das sogenannte Exoskelett lässt Rollstuhlfahrer aufrecht gehen. Noch ist die Technik in der Testphase.

 

HB I Halle Dietbert Vogt ist ein Kerl wie ein Baum. Der 1,85 Meter große Stahlbauer hat bei Wind und Wetter auf Montage gearbeitet. Bis sich im Oktober 2013 sein Leben und das seiner Familie von einer Sekunde zur anderen komplett verändert. Vogt ist nach einem Unfall querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Er ist einer der ersten Patienten, die im Rückenmarkzentrum der Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannstrost in Halle mit neuer Technik behandelt werden, die an Science-Fiction erinnert.

 

Physiotherapeut Michael Schleiff legt dem 45-Jährigen einen „Roboteranzug“ an. Das System besteht aus Gurten, Stützen, schweren Akkus, Kabeln und Computertechnik, die der Patient auf dem Rücken trägt. An den Beinen entlang führt eine bewegliche Gelenkkonstruktion, die unter die Füße geschnallt wird. Mit einer Fernbedienung wird das alles von speziell geschultem Personal bewegt.

 

Diese Systeme, auch Exoskelette genannt, sind Neuland in der medizinischen Rehabilitation. „Lange gibt es sie noch nicht“, sagt Frank-Rainer Abel, Chef der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie (Querschnittlähmung). Bisher würden sie fast ausschließlich als Trainingssysteme in Kliniken eingesetzt – nicht als Mobilitätshilfen im Alltag.

 

„Das Robotersystem ist leider noch nicht für jeden Patienten geeignet“, sagt Klaus Röhl, Chefarzt des Rückenmarkzentrums in Halle. Menschen mit einer Lähmung oberhalb des sechsten Halswirbels, die ihre Arme nicht bewegen und nicht aufrecht sitzen können, könnten damit nicht behandelt werden. Ziel der Erprobung in Halle sei es, eine Studie über Nutzen, Möglichkeiten und Grenzen der neuen Technik zu erstellen.

 

Die Anspannung ist Patient Vogt im Gesicht ablesbar. Er beißt die Zähne zusammen. Sein Therapeut hilft ihm aus dem Rollstuhl in eine aufrechte Körperhaltung. Er stützt seinen Körper samt Roboteranzug mit den Armen auf einen Spezialrollator. Seine Hände umklammern zwei Griffe. Millimeter für Millimeter schiebt er sich voran. Der Krankenhausflur scheint unendlich lang – dabei sind es nur hundert Meter. Vogts Therapeut bleibt neben ihm. „Es ist extrem anstrengend. Aber das Gefühl, wenn man ansonsten im Rollstuhl sitzt, ist unbeschreiblich schön“, sagt Vogt völlig erschöpft nach 20 Minuten Physiotherapie. Ohne seine Familie würde er das alles wohl nicht durchstehen, sagt der breitschultrige Mann.

 

Nach Angaben der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland leben in der Bundesrepublik mehr als 100 000 querschnittgelähmte Menschen. Abel berichtet von 23 Zentren, elf sind wie im Bergmannstrost einem Klinikum mit Traumazentrum zugeordnet. Seit etwa einem Vierteljahr wird die aus den USA und Japan stammende Robotertechnik in Halle erprobt. Exoskelette werden in Deutschland in medizinischen Spezialeinrichtungen auch in Greifswald, Bochum, Murnau und Tübingen zur begleitenden Therapie eingesetzt. „Aber in der Breite der Erprobung an Patienten sind wir weltweit einer der Vorreiter“, sagt Chefarzt Röhl. Pro Jahr werden in seiner Spezialklinik 1100 Patienten behandelt, davon bis zu 120 mit einer akuten Lähmung. Illusionen macht die Klinik Dietbert Vogt bei seiner monatelangen Therapie nicht. Sein Leben wird nie wieder so sein wie vor dem Unfall.

 

„Die Roboteranzüge können keinen Rollstuhl ersetzen, aber sie sind ein ganz großer Schritt für die Rehabilitation von Patienten“, betont Rückenmarkexperte Röhl. Sein Kollege Frank Röhrich nickt. Der Neurochirurg ist seit seinen Umfall vor 18 Jahren selbst querschnittgelähmt. Die Robotersysteme hätten nichts mit normalem Gehen zu tun, sagt Röhrich. „Aber es ist zu hoffen, dass die Technik irgendwann soweit ist, dass man damit ohne fremde Hilfe das Gleichgewicht halten, die Arme frei bewegen und Treppen steigen kann.“

 

Röhrich arbeitet als Operateur im Rückenmarkzentrum. Auch er macht Physiotherapie im Roboteranzug. „Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, zumindest für einen längeren Moment jemandem wieder auf gleicher Höhe in die Augen schauen zu können“, sagt er. Dann fährt er zum Dienst – im Rollstuhl. 

 

Handelsblatt 19.08.2014

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