Rutscheffekt für Ketchup

Ketchup der aus einer Glasflasche fließt

Eine Beschichtung macht Flaschen von innen glatter. Und damit gleiten Flüssigkeiten schneller heraus.

 

Thomas Jahn Handelsblatt New York Tony Soprano sitzt mit seinem Anwalt in einem Hinterzimmer eines Restaurants. Der Jurist warnt den Mafiaboss vor einem Kronzeugen und versucht, Ketchup auf den Hamburger zu schütten. Doch aus der Heinz-Glasflasche kommt nicht ein Tropfen. Er haut und haut hinten auf die Glasflasche, bis sie ihm Tony Soprano aus den Händen reißt, sie wie wild schüttelt und „f**cking“ brüllt. Doch auch das nutzt nichts, böse wirft der Mafioso die Flasche auf den Tisch.

 

Die Szene aus der Kultserie „Die Sopranos“ spielt David Smith gerne bei Präsentationen vor. Danach zeigt der Gründer und Chef von Liquiglide ein anderes Video: eine Ketchup-Flasche, deren Inneres von seiner Firma beschichtet wurde und aus der die Tomatensoße wie von Zauberhand bis zum letzten Tropfen herausrutscht. „Die Technik ist wahrhaft revolutionär“, sagt Smith stolz, „sie wird Unternehmen und Verbrauchern Milliarden und Milliarden Dollar sparen.“

 

Das Video vom glitschigen Ketchup ging wie ein Lauffeuer durch die US-Medien. Endlich hat das Schütteln ein Ende. Endlich keine Reste mehr aus Zahnpasta-Tuben quetschen oder aus Farbtöpfen kratzen. „Unsere Beschichtung wird bald in allen Branchen Anwendung finden“, sagte MIT-Professor Kripa Varanasi, der zusammen mit Smith das Verfahren entwickelte.

 

Risikokapitalgeber glauben an das Unternehmen. Das 2012 in Boston gegründete Start-up sammelte bislang 30 Millionen Dollar ein. Liquiglide beschäftigt 20 Mitarbeiter, doch es sollen viele mehr werden. Das Start-up arbeitet bereits mit 30 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen zusammen.

 

Seit wenigen Wochen ist auch der Mischkonzern Orkla mit dabei. Es ist eines der größten Unternehmen Norwegens, das mit Lebensmitteln etwas mehr als 300 Millionen Euro jährlich umsetzt. Orkla will 2016 in Europa – darunter auch Deutschland – eine neue Mayonnaise-Marke einführen. „Mit Liquiglides Technik besitzt eine Marke ein einmaliges Verkaufsargument“, sagt Vince Bamford, Expertin vom Branchenmagazin The Grocer. Die Verbraucher wissen es zu schätzen. Ihre Frustration mit gequetschten Tuben und Flaschen ist groß. Laut einer Untersuchung der US-Verbraucherorganisation Consumer Report bleiben Unmengen in den Behältern zurück: Bis zu einem Viertel bei Hautcreme und Sonnenmilch, 16 Prozent bei Waschmitteln und 15 Prozent bei Ketchup.

 

Die Beschichtung von Liquiglide ist von der US-Lebensmittelbehörde freigegeben. Auch ist sie geruchlos und verändert nicht den Geschmack. Zudem können die Behälter leichter recycelt werden. Laut Smith ist die Beschichtung „extrem haltbar“ und schützt gegen Rost – das ist wichtig bei Industrieanlagen wie Öltanks oder Schiffsrümpfen. Mit der Beschichtung, so Smith, müssen sie nicht so oft gesäubert und gewartet werden. „Öltanker müssen nach einem Transport drei Tage lang gereinigt werden“, sagte Smith, „das ist teuer und das Schiff fällt für das Geschäft aus.“

 

Smith kam gemeinsam mit seinem Professor Varanasi im Rahmen seiner Doktorarbeit auf die Idee für Liquiglide. Sie wollten die Beschichtung verbessern, die Flugzeuge vor der Vereisung schützt. Bisherige „superwasserabweisende“ Beschichtungen arbeiteten mit Luftmolekülen: Wie bei einem Luftkissenboot, das über das Meer schwebt, sorgen mikroskopisch kleine Luftblasen auf der Oberfläche dafür, dass Wasser abperlt.

 

Allerdings lösen sich die Luftblasen mit der Zeit auf, die Beschichtung verliert an Verlässlichkeit. Die Idee von Smith und Varanasi: Luft durch Flüssigkeit zu ersetzen. Sie entwickelten einen Algorithmus, der die thermodynamische Beziehung zwischen der Gefäßoberfläche, dem Produkt und der Beschichtung optimiert. Heraus kam eine dauerhaft nasse, rutschige Oberfläche, die je nach Anwendung aus verschiedenen Materialien ausgewählt und den Anforderungen angepasst wird und per Spray aufgetragen werden kann.

 

Das funktioniert so gut, dass Smith seine Doktorarbeit nicht zu Ende schrieb – stattdessen gründete er mit Hilfe seiner Universität MIT Liquiglide. Ein Wermutstropfen: Bislang zeigte Ketchup Hersteller Heinz noch kein Interesse.

 

Handelsblatt 11.08.2015

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