Wenn Augen die Technik lenken

Ein Auge in Nahaufnahme

Die Eye-Tracking-Technologie erlaubt Kranken, per Augenbewegung zu kommunizieren und E-Mails zu schreiben. Das Verfahren soll künftig auch Computer, Smartphones und Autos intelligenter machen.

 

Jana Schlütter Handelsblatt Berlin Faith war 16 Monate alt, als bei einem Autounfall ihr Rückenmark am Hals durchtrennt wurde. Ihr Leben lang wird das Mädchen in einem bewegungslosen Körper gefangen sein. Dennoch kann sie spielen: Auf einem Bildschirm lässt sie mit Augenbewegungen Tiere auf einem Trampolin springen.

 

Möglich macht es eine Eye-Tracking-Technologie, die jede Bewegung der Netzhaut registriert. Die schwedischen Erfinder John Elvesjö und Marten Skagö gehören zu den 15 Finalisten des diesjährigen Europäischen Erfinderpreises, der am heutigen Donnerstag verliehen werden soll. Vergeben wird die Auszeichnung vom Europäischen Patentamt.

 

Die Eye-Tracking-Technologie der schwedischen Firma Tobii hat bereits Tausenden gelähmten Patienten mit ALS oder Zerebralparese, nach Schlaganfällen oder Unfällen geholfen, ein etwas unabhängigeres Leben zu führen. Sie können dank der Technologie selbst einen Computer benutzen, E-Mails schreiben oder Informationen im Internet suchen. Alles, was sich digital steuern lässt, können sie mit einem Blick oder einem Zwinkern bedienen. Über einen Sprachgenerator gibt das System ihnen eine Stimme.

 

Das funktioniert folgendermaßen: Mikroprojektoren am Monitor senden Nahinfrarotlicht in Richtung des Gesichts aus. Diese Infrarotstrahlen werden von den Augen reflektiert, optische Sensoren zeichnen das zurückgeworfene Licht auf. Eine Software mit speziellen Algorithmen interpretiert die gewonnen Daten in Echtzeit. Sie errechnet, wohin der Blick gerade fällt und ob er dort hängen bleibt. Die Eye-Tracking-Technologie registriert jede Bewegung der Netzhaut. So weiß der Computer auch, ob dem Nutzer die Augen müde zufallen oder ob der Kopf sich abwendet.

 

„Die Arbeit für Patienten hat uns inspiriert, uns viel Energie gegeben“, sagt John Elvesjö, auf dessen Entdeckung die Technologie beruht und der gemeinsam mit seinen Freunden Marten Skagö und Henrik Eskilsson im Jahr 2001 die Firma Tobii gründete. „Für ihre Bedürfnisse haben wir 2004 unser erstes ausgereiftes Produkt auf den Markt gebracht.“ Mittlerweile ist das Unternehmen mit Sitz in Stockholm Weltmarktführer für Eye-Tracking.

 

Die Liste der Anwendungen geht längst weit über Assistenzsysteme für Kranke hinaus. Elvesjö würde die Eye-Tracker am liebsten in jeden Computer oder Laptop, in Mobiltelefone und Autos einbauen. „Die Technologie kann große Teile der Gesellschaft beeinflussen“, bestätigt Benoit Battistelli, der Präsident des Europäischen Patentamts. Es ermögliche neue Arten der Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Elvesjö und Skagö, die beide bei Tobii für Forschung und Entwicklung verantwortlich sind, sind deshalb in der Kategorie Kleine und Mittlere Unternehmen für den Europäischen Erfinderpreis nominiert.

 

In der Marktforschung wird das Eye-Tracking nicht nur genutzt, um die Nutzung von Webseiten zu analysieren. Dank einer speziellen Brille ist die Blickerfassung im echten Leben möglich, egal ob es darum geht, wer im Supermarkt wohin schaut oder ob man ermitteln will, wie sinnvoll Werbeplakate in der U-Bahn sind. Im Auto kann die Technik die Aufmerksamkeit des Fahrers messen und warnen, sobald ihm die Augen zufallen. Im OP können Chirurgen im Computer gespeicherte Informationen zu ihren Patienten abrufen und die Hände bleiben steril.

 

Tobii will nun die Blickerfassung in jeden Haushalt bringen. Sie soll die kleinen und großen Maschinen, die wir täglich bedienen, intelligenter machen – zum Beispiel Computer. Mit den Augen zu scrollen oder zwischen verschiedenen Anwendungen zu wechseln, sei nur der Anfang, sagt Elvesjö. Der Computer könne lernen, ob man zum Beispiel eine Nachrichtenwebseite vor allem wegen des Wetterberichts aufruft und diese Teile ohne zusätzlichen Befehl aktualisieren. „Das ist wie eine gute Assistentin, die Kaffee bringt, weil sie merkt, dass man müde ist – und nicht weil man direkt danach fragt.“

 

Ein Film oder ein Spiel könnten automatisch anhalten, wenn man nach einem langen Arbeitstag einnickt oder kurz aus dem Raum geht. Die Hintergrundbeleuchtung des Computerbildschirms könnte sich selbst abschalten, sobald sich der Nutzer abwendet. Die Auflösung von Bildern müsste nur dort gestochen scharf sein, wo der Blick tatsächlich hinfällt statt dort, wo sie gar nicht wahrgenommen werden kann.

 

„Das schont knappe Ressourcen wie Batterielaufzeit, Arbeitsspeicher, die Daten- übertragungsrate oder den Grafikprozessor“, sagt Elvesjö. Auch bei Computerspielen habe man ganz neue Möglichkeiten, wirklich in fremde Welten einzutauchen. „Bisher haben wir die Grundlagen geschaffen. Jetzt beginnt der Spaß.“

 

Handelsblatt 11.06.2015

Artikel aus der Branche
17.09.2015
Auf der IFA in Berlin haben sich Fernsehhersteller mit hohen Kontrasten und schillernden Farben gegenseitig überboten. Doch stellt die Superschärfe die TV-Branche vor neue Herausforderungen. 

15.09.2015
Neue Geräte zur Schlafüberwachung sind weit mehr als nur ein weiteres Gadget. Angesichts der Überalterung der Bevölkerung könnten sie zu einem Zukunftsmarkt werden. Elektronikkonzerne wittern bereits ein Milliarden-Geschäft. 

11.09.2015
Mit der Entschlüsselung des Gehirns steht die Menschheit vor einer neuen Epoche: Gedanken beginnen, Maschinen zu steuern, Maschinen, Gedanken zu lesen. Das Marktpotenzial der Hirnforschung ist riesig. 

Weitere Artikel aus der Branche
Wer sind wir
Logo 3M
3M beherrscht die Kunst, zündende Ideen in Tausende von einfallsreichen Produkten umzusetzen – kurz: ein Innovationsunternehmen, welches ständig Neues erfindet. Die einzigartige Kultur der kreativen Zusammenarbeit stellt eine unerschöpfliche Quelle für leistungsstarke Technologien dar, die das Leben besser machen. Deshalb: Wenn Sie denken, dass 3M etwas für Sie tun kann, dann schreiben Sie uns.
Partner:
FAZ - Institut
RWTH Aachen
F&E Manager
Technische Uviversität Berlin
3M - Contentpartner
Steinbeis SMI
eSSENTIAL Accessibility Icon Download free eSSENTIAL Accessibility Browser